Ranga Yogeshwar

Bist du ON? – Geborgenheit im Netz[1]  (Ranga Yogeshwar)

Als Familienvater lernt man neue Wörter und atmet somit das Denken der nachwachsenden Generation ein. Ein solches Wort heiĂźt „Bist du ON?“.  Gemeint ist: Der oder die Freundin sitzt ebenfalls am Computer und chattet auf einer gemeinsamen Online-Plattform.  Das Internet prägt inzwischen das Leben junger Menschen und Soziale Online-Netzwerke gehören zum festen Bestandteil der jugendlichen Medienkultur.Wie stark die digitale Abhängigkeit ist, erkennt man an der Strafdosis: Zeitungsentzug  wird mit einem leichten Achselzucken quittiert, Fernsehverbot – blöd, aber nicht tragisch, doch wehe Sie sprechen ein Handy oder Internetverbot aus – Dann heiĂźt es Drama!
Soziale Netzwerke sind zu einer elektronischen Nabelschnur geworden. Statt Blut fließt ein Saft sonderbarer Aktivitäten durchs Netz, etwa
„ Lena und Lars sind jetzt Freunde; 
Marcel hat an Lea Maries Pinnwand geschrieben „Olle Nuss“, Lea darf ihre Haare glätten – Maja gefällt das, Lars hat Lenas Status kommentiert....“
In der Kryptologie der Worte findet sich auffallend oft HDGGGL und natürlich kann man per Klick über wichtige Fragen abstimmen etwa „ Würde Lena sein Date auch dann küssen wenn er/sie wüsste dass er/sie eine Geschlechtsoperation hinter sich hat?“
Und dann gibt es eine bunte Vielfalt von Fotos Mal mit Freundin, mal ohne, mal mit Bierflasche mal ohne, mal mit tiefem Ausschnitt und selten ohne. Ăśber Nacht hat das Internet die Kinderzimmer erobert und eine ganze Generation von Eltern, die, wie ich, noch mit Schwarz-WeiĂź Fernsehern und Sandmännchen groĂź geworden sind, wird von dieser Entwicklung ĂĽberrumpelt. 
In unserer Kindheit stand auf den Telefonzellen der Spruch „Fasse dich kurz“. Willkommen im Zeitalter der Flatrates. Die Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen: Cloudcomputing, die Einbindung einer Vielzahl von Sensoren wie GPS und Kameras und die Verschiebung zu immer mehr mobilen Endgeräten ist gerade dabei unsere mediale Ordnung auf den Kopf zu stellen. Neue Medien verändern unser Denken und das lässt sich schon heute an vielen Beispielen erahnen: Wenn Erwachsene sich abends verabreden, dann gibt es einen festen Ort und eine feste Uhrzeit. Jugendliche hingegen setzen zunehmend auf fließende Kommunikation. Für Eltern ist das irritierend:
- „Julian wo bist du heute abend?“
- „Mal kucken“
-„Aber wo trefft ihr euch?“
-„Mal sehen“...
Junge Menschen sind äuĂźerst flexibel und in wenigen Augenblicken verändern sich Abläufe und Verabredungsorte.  Durch die ständige Kommunikation ist man irgendwie nie zu spät.   Die Magie der neuen technischen Möglichkeiten ist gerade dabei sich zu entfalten und man kann nur erahnen wohin die Reise geht:

Stellen Sie sich vor, sie kaufen demnächst ein enhanced e-book.  Sie beginnen den Roman zu lesen und plötzlich tauchen Sie selbst als Protagonist darin auf. (Dank Vernetzung kennt das neue Buch seinen Leser, intelligente Softwareagenten können unzähliges aus dem Netz herauslesen). Plötzlich klingelt ihr Telefon und am anderen Ende spricht der Held aus ihrem Buch. Sie sollen an einen Ort gehen, denn nur dort können Sie weiterlesen. Durch Geotagging weiĂź ihr Buch wo sie sich gerade befinden. Vielleicht wird dieses Buch sie sogar mit anderen Lesern zusammenbringen. Technisch funktioniert das, es braucht nur noch den klugen Autor, der die neue digitale Dramaturgie versteht.   Bei den Jugendlichen haben ebooks vielleicht noch ganz andere Konsequenzen: Der Lehrer kann demnächst womöglich prĂĽfen, ob der SchĂĽler das Buch auch tatsächlich gelesen hat: Durch die Protokollierung der Verweildauer auf jeder Seite merkt man schnell ob das womöglich nur quer gelesen wurde.
Neue Medien haben immer unser Denken und somit unsere Gesellschaft verändert.   Ein Sohn dieser Stadt erfand um 1450 den Buchdruck mit beweglichen Lettern. Er hieĂź zunächst Henchen Gensfleisch zur Laden.  „Gutenberg" nannte er sich erst von 1420 an, weil am Mainzer „Gutenberg" sein Elternhaus stand. Die Revolution des Buchdrucks verlief im Vergleich zu heute langsam: Nach 50 Jahren, im Jahr 1500 waren 40000 Buchtitel  und etwa 10 Millionen Exemplare erschienen. Der Buchdruck half, das Bildungsmonopol der Kirche und Mächtigen zu brechen. Martin Luther wäre ohne dieses neue Medium vermutlich in aller Stille von der Inquisition hingerichtet worden, doch seine Thesen fanden durch den Buchdruck schnelle Verbreitung. Durch das Buch bekam das Volk mehr Macht und mehr Rechte.

Springen wir zurĂĽck ins das hier und jetzt:   Was verändern die heutigen Neuen Medien und Instrumentarien?   Zunächst ist das Diffusionstempo rasanter: Das alte Telefon brauchte 100 Jahre um jeden Haushalt zu erreichen, Mobilfunk und Internet breiteten sich in einem zehntel der Zeit aus. Und erst 2004 ging Facebook online und verzeichnet inzwischen ĂĽber 500 Mio Nutzer. Innovationen explodieren und verändern in dramatischer Weise unsere Medienlandschaft: Plattenfirmen sterben im Angesicht groĂźer Portale wie itunes. Buchverlage werden auf aggressive Weise mit der Gier von amazon konfrontiert, der sich zu dem groĂźen Verlag aufbäumen möchte und derzeit fleiĂźig Rechte kauft – meine kriegt er nicht! Das ipad und andere Tablets sind  ein Angriff auf die Zeitung aus Papier und so mancher Verleger rettet sich nach dem Motto: if you can’t beat him – join him! Die Macht der Suchmaschinen zerreist die alten Muster des klassischen Recherchierens und mit Wikipedia haben sich die alten Enzyklopädien wie Britannica oder Universalis verabschiedet. Während Eltern in der Zeitung von neuen Technologien lesen ĂĽbersehen Sie, dass ihre Kinder schon fleiĂźig damit arbeiten. Die größte Gefahr lauert meines Erachtens darin, dass viele Verantwortliche kein GefĂĽhl fĂĽr die neuen Instrumente besitzen. In strategischen Papieren wird gerne darĂĽber geschrieben, doch vielen fehlt das Feeling fĂĽr die neue digitale Kultur. Auf Facebook sucht man vergeblich nach den groĂźen in unserer Branche. Alle diese Medien haben eine besondere Anziehungskraft. Sie helfen dem Nutzer. Nur so lässt sich der enorme Zuwachs erklären. NatĂĽrlich verändern sie auch unsere Kultur: Ich gehöre noch zu der Generation, die Liebesbriefe schrieb – auf Papier. Ich erinnere mich an die unerträgliche Zeit des Wartens auf eine Antwort und diese Zwischenzeit veränderte mein GefĂĽhl. Man hatte Zeit darĂĽber nachzudenken – ein Purgatorio.  Heute geht das alles sehr viel schneller und offener. Heute wird angestubst und im Netz gibt man gerne den Status gleich bekannt: Julian ist mit Lena in einer Beziehung! Die Wartezeit ist geschrumpft und das Handeln wird zum Reagieren auf einen Regen an digitalen Impulsen.  Unsere Jugend lebt in einer seltsamen Welt der Gleichzeitigkeit. Fernseher, Computer, Musik – aller läuft gleichzeitig und Lateinvokabel lernen sie auch. Die Ungeduld ist enorm gewachsen. Wenn der Song nicht gefällt springt man zum nächsten. Wir haben die Schallplatte nicht so oft gewechselt. Auch die Dramaturgie des Fernsehens sieht sich zunehmend damit konfrontiert. Der schnelle Wechsel wird zur Sucht und wenn das Bild zu lange steht ist der Zuschauer weg.  Meine Kinder schauen Laptop und die Zeitordnung hat sich durch youtube verändert. Das Fernsehen klappt dann, wenn es um Ereignisse geht und die mehren sich bedenklich: Castingshows, groĂźen Finales von Konsonantenlastigen DSDS Events, von Songcontests , Turmspringen, Wokcontests, FuĂźball, Boxen, Dschungelwelten, oder ĂĽberinzenierten Preisverleihungen mit viel rotem Teppich und tiefen Ausschnitten. Das Fernsehen wird wenn ĂĽberhaupt zum Ereignislieferanten ĂĽber den man sich dann im Netz austauscht. Wie auf einem GemĂĽsemarkt wird das Geschrei der Händler umso lauter je größer die Konkurrenz ist.  Wenn ich mir den stilistischen Wandel und die Sprache vieler  TV-Beiträgen anschaue, spĂĽrt man wie stark die Konkurrenz auf allen Kanälen ist: Es gibt einen wachsenden Hang zur Ăśbertreibung: Auf langen Autobahnfahrten muss ich mir immer wieder die „aktuellsten“ Verkehrsmeldungen anhören, doch ich frage Sie: gibt es aktueller als aktuell? Die Sprache mancher Wissenschaftsreportagen ist inzwischen mit einer solchen FĂĽlle an Dramavokabeln gespickt, dass selbst ein einfacher Schmetterlingsforscher eine lebensbedrohliche Existenz zu fĂĽhren scheint.  Längst haben wir uns an die Suche nach „Superstars“ und „Supertalenten“ gewöhnt. Bei Lichte betrachtet, handelt es sich eher um mediale Eintagsfliegen, die schon nach wenigen Schlagzeilen in eine wohltuende Vergessenheit zurĂĽck fallen. Der Trend zur Ăśbertreibung ist eine Art Hilferuf der klassischen Medien, ein „Bleiben sie bei uns!“ denn nur so können sie die schwindende Zuschauerschaft zurĂĽckpfeifen. (Letzte Woche sah ich auf einem Sender einen Kollegen, der neben einem einfachen Versuchsaufbau stand: „ Gleich nach der Werbung – hier bei uns die Kernschmelze!“ Als der Winter uns (endlich!) etwas Schnee bescherte, titelten groĂźe Zeitungen mit :„ Sturmtief „Daisy“ droht Deutschland lahmzulegen – Angst vor dem Blizzard!“ oder „Schneewalze wĂĽtet ĂĽber Deutschland!“. Unzählige Sondersendungen wurden ins Programm gehievt und in hektischen Live-Schalten berichteten „Schnee-Reporter“ und zeigten das, was einen Winter eben ausmacht: Schnee!  Das vielzitierte „Schnee-Chaos“ blieb weitgehend aus und so teilten sich die eifrigen Journalisten einen rutschigen Autobahnabschnitt und eine Nordseeinsel, welche fĂĽr einige Tage auf den Fährverkehr verzichten musste. Unsere Medien orientieren sich zunehmend weniger am eigentlichen Geschehen sondern richten sich nach dem, was andere Medien verbreiten. Jeder Sender versucht den anderen zu ĂĽberbieten und wenn alle von einer Katastrophe sprechen, findet die normale Meldung kein Gehör mehr.  
Auch der vermeintlich seriöse Journalismus kann sich kaum davor schĂĽtzen: Das Event macht eben Quote, das haben wir alle in der vergangenen Woche gesehen, und auch sonst beobachte ich eine bedenkliche Häufung an Brennpunkten, Extras- und Spezialsendungen. Manchmal fehlt, wenn man ehrlich ist,  der wahre Anlass und das was man dann sieht ist wenig mehr als das was in den Nachrichten zuvor verkĂĽndet wurde.   Auf indirekte Weise beeinflussen die Neuen Medien – so meine Vermutung – auch die klassischen Medien. Statt per Maus zu Surfen, wird wild durch die Welt geschaltet und in der Einsamkeit der Nacht sieht man einen ĂĽbernächtigten Korrespondenten der genauso weit vom Ort des Geschehens ist, wie Mainz von Mailand liegt.  Wenn es dann mal im Hintergrund knallt und blitzt jubiliert die Redaktion – verzeihen Sie meine Boshaftigkeit – wir lieben doch die meisten Korrespondenten.   Wie groĂź das gesellschaftliche Potenzial der digitalen Vernunft ist, lässt sich an rezenten Ereignissen ablesen:  Wikileaks gleicht einem digitalen SchlĂĽsselloch durch das wir in das Haus der Mächtigen blicken, Obama mobilisierte seine UnterstĂĽtzer durch die Kraft der sozialen networks. Ă„gypten und weitere Nordafrikanische Staaten erlebten in diesem Winter eine Revolution 2.0.  Durch Twitter, Facebook und Co, so erzählt man uns gerne, kam es zu einer Organisation der Nichtorganisierten. Dann der Fall Guttenberg: Dutzende fleiĂźige Onlinehelfer zerflĂĽckten seine Doktorarbeit  im Guttenplag-Wiki[2] und  brachten am Ende durch die Flut der Plagiatsnachweise den Minister zu Fall. Alles wunderbar – das Internet ist groĂźartig, doch erlauben Sie mir dennoch eine gewisse journalistische Skepsis:   Im Falle Ă„gyptens[3] habe ich da meine Zweifel. Wer das Land kennt hat nicht unbedingt das Bild der surfenden Dorffrau im Kopf – oder?  Die Revolution war ĂĽberfällig mit oder ohne Internet. Twitter und YouTube waren sicherlich nĂĽtzlich und unzählige Handyvideos zeigten uns Tumult auf den Strassen,  doch bei aller Kraft der Bilder bleibt immer ein Rest an journalistischer Unsicherheit. Von wo stammen die Bilder? Was zeigen Sie? Und was zeigen sie nicht?  Bei Facebook und Twitter sind meine Zweifel noch intensiver, denn offen gesagt  ist es ganz schön gefährlich wenn ein diktatorisches Regime mit einem Mausklick plötzlich alle meine Freunde kennt.  Ich wäre da vorsichtiger, denn – das vergessen wir gerne: Die guten alten Medien haben nie ihre Rezipienten verraten – doch im Netz hinterlässt jeder von uns gefährliche FuĂźabdrĂĽcke.   Alle Online-Medien leben von diesen Spuren, denn somit werden Profile erstellt und Vorlieben protokolliert. Nach einigen Besuchen schlägt mir Amazon neue BĂĽcher vor und ungefragt werde ich ĂĽber ein Sonderangebot von Turnschuhen oder Schubertsonaten informiert. Wir reisen per online-Ticket und buchen Hotels, die zuvor in Foren bewertet wurden und mit neuen Apps finden wir in der unbekannten Stadt den Eingang zur Ubahnstation. Enhanced Reality: Darf die App ihren Ort erfassen? In Geschäften kann man Rabatt verlangen wenn man dem Händler das gĂĽnstige Onlineangebot auf dem Handy zeigt und bei Beschwerden steht einem eine Community an ebenfalls Geschädigten zur Seite. Die Neuen Medien haben längst das heimische Wohnzimmer verlassen und werden zu unserem Lebensbegleiter auf Schritt und Tritt.   Welche Rolle sollen, welche Rolle können wir Journalisten da ĂĽberhaupt noch spielen? Die Krise in Fukushima hat uns zumindest etwas gezeigt.  Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen den bunten digitalen Angeboten und dem was ich unter gutem Journalismus verstehe:  Die einen orientieren sich am BĂĽrger – unsere Aufgabe ist es hingegen, den Menschen Orientierungshilfen zu geben. Wollen wir am Ende willige Konsumenten – oder geht es uns um mĂĽndige und kritische BĂĽrger? Dieser Unterschied ist heute wichtiger denn je, denn noch vor 25 Jahren war ein Mehr an Informationen auch gleichbedeutend mit einem Mehr an Entscheidungskraft und einem Mehr an Demokratie. Heute hingegen drohen wir im Ozean der Informationen zu ertrinken: Wo in dieser pulsierenden Welt der Bits sind die Adressen, denen ich trauen kann? Wo finde ich noch Informationen die sich nicht als kommerzielle Köder entlarven?  Wenn Sie sich alleine anschauen wie die Werbeindustrie mit allerlei MaĂźnahmen das Netz infiltriert – vom internetseeding – ist die Rede, dann wird einem schnell klar, dass nicht alles was nach objektiver Information aussieht auch entsprechend objektiv ist.  Wenn Gesundheitsportale von der Pharmaindustrie gefĂĽttert werden und die Betreiber von Nachhaltigkeitsforen oder die Besucher unserer sozialen Netzwerke nicht klar erkenntlich sind, wird es mitunter kritisch. Noch mehr macht mir auch die staatliche Aufsicht Sorge.  Nein – Deutschland ist demokratisch, doch noch nie hat der Staat soviel ĂĽber seine BĂĽrger erfahren wie heute.  Die Gefahr, dass daraus ein gefährlicher Nährboden fĂĽr mögliche Kontrolleure und Despoten erwächst sollte jedem Demokraten bewusst sein. Wenn du On bist, sind sie es auch – sie sind immer ON! Manchmal – so vergessen wir – haben grĂĽndliche Recherchen von mutigen Journalisten die Mächtigen zu Fall gebracht. Doch wie schĂĽtzen wir unsere Informanten, wenn unsere Mail gescannt werden? Wenn man bedenkt, dass ein GroĂźteil der heutigen Internetinfrastruktur in US-amerikanischer Hand liegt sollte man als Europäer leicht nervös werden. Nichts gegen die USA, doch Google, Facebook, Wikipedia, Windows, Itune, Twitter, Ebay, Amazon und Co.  Alles untersteht US-amerikanischen Gesetzen. Unsere hiesigen Stellen haben da keinen direkten Zugriff. Ich selbst habe das vor einiger Zeit gespĂĽrt, als die Namen meiner Kinder plötzlich bei Wikipedia auftauchten. Ich konsultierte den Bundesdatenschutzbeauftragten, doch der zuckte mit den Schultern. Wikipedia ist eine amerikanische Stiftung und liegt somit auĂźerhalb des deutschen Hoheitsgebietes.  Erst ein intensives Gespräch mit dem deutschen BĂĽro von Wikimedia brachte den Wechsel. Egal wie – ich halte es fĂĽr bedenklich, dass wir dieses zulassen, denn nicht nur Kriege werden im Netz gefochten. Der Zugriff auf die Informationsnetzwerke ist aus meiner Sicht inakzeptabel – China hat das immerhin verstanden. Dort wird nicht gegoogelt, sondern dort heiĂźt die Suchmaschine Baidu und siebt die subversiven Inhalte aus dem Netz. Doch wer siebt bei uns?  

Medien sind mehr als eine bequeme Art Schuhe zu kaufen oder Kochrezepte auszutauschen; sie sind auch Wächter der Demokratie. Die neue Möglichkeit, dass jeder von uns zum Sender wird ist grandios und inzwischen finden sich exzellente Portale und Bloggerseiten im Netz. Doch vieles was dort twittert und postet ist offen gesagt irrelevant und unterirdisch. Verschwörungsanhänger und Querellanten greifen an und stellen sich mitunter dar, als wären sie die neue Kraft im Lande. Sie sind nicht ein Ersatz fĂĽr gestandene Journalisten. Das gewissenhafte Recherchieren und PrĂĽfen, das Nachfassen und Aufbereiten erfordert Handwerk und einen immensen Aufwand und noch fehlt derzeit dafĂĽr ein adäquates Business-Modell im Netz von dem die Blogger leben können und dennoch ihre Unabhängigkeit garantiert wird. Die besten in der Szene sind häufig gestandene Journalisten – Feierabendblogger -  von denen man auch in den klassischen Medien liest. Beim Fernsehen wird es dann noch komplexer. Der kleine Justin Bieber, der mit seinen Videos in Youtube auffiel ist da eher die Ausnahme und höchstens der Beleg dafĂĽr, dass das Internet gut geeignet ist um junge Talente ausfindig zu machen.  Der „bread- and butter job“ des Journalisten braucht noch immer zuverlässige Strukturen und redaktionelles Handwerk -  daran ändert auch die digitale Welt wenig. In Fukushima und Lybien können wir sehen wie wichtig funktionierende Korrespondentennetze und eine gute Infrastruktur ist: Von der live-Schalte bis hin zur erklärenden Animation. Das alles ist teuer – auch im Netz.   Von zentraler Bedeutung sind und bleiben fĂĽr mich die Qualität des Journalismus und seine Unabhängigkeit:   Unser öffentlich-rechtliches System entstand auf der Erfahrung der Nazizensur und die GrĂĽnder haben in weiser Vorraussicht die Unabhängigkeit gefordert. Dennoch konnten Sie die rasante Entwicklung moderner Medien nicht vorhersehen und so droht der Gedanke der Unabhängigkeit ins Irrelevante abzugleiten. 1995 gingen wir als eine der ersten, wenn nicht die erste TV- Sendung in Deutschland ans Netz. Quarks war online zu einer Zeit wo mein damaliger Intendant noch nicht wusste was das Internet ist. In einer Nacht und Nebelaktion haben wir als kleine und subversive Gruppe im Sender eine Kennung gekauft und einen Server installiert und erst Wochen später haben wir uns geoutet. Das war gefährlich und zum GlĂĽck haben meine damaligen Chefs mitgezogen. Unser Auftritt war ein neuer Draht zum Zuschauer und in den Abrufzahlen spiegelte sich das Interesse unserer Nutzer. Unzählige SchĂĽler vertrauen unseren Inhalten und sind dankbar, weil unsere Seiten oft auch Entwicklungen aufgreifen, die in den LehrbĂĽchern noch fehlen. Doch dann kam die Wende und unzählige Seiten mussten depubliziert werden. FĂĽr mich ist das absurd: Wir nehmen unseren GebĂĽhrenzahlern genau das weg, was sie interessiert. Der heutige Dreistufen Test mag fĂĽr die Unternehmenslenker vielleicht akzeptabel sein, doch fĂĽr mich als Journalist ist er es nicht.  

An meinen Kindern sehe wie schnell diese Entwicklung geschieht und auf den neuen Feldern werden wir gezĂĽgelt und entmĂĽndigen uns somit.  Der Dreistufentest gehört abgeschafft, nicht weil ich kommerziellen Anbietern ihr Geschäft vermiesen möchte, sondern weil auch die nächste Generation ein Recht auf jenen Qualitätsjournalismus hat, der mich und mein Denken geprägt hat. Unsere Medienwelt ist inmitten eines groĂźartigen Wandels und beschenkt uns mit ĂĽberraschenden Möglichkeiten. Doch auch in dieser Neuen Welt braucht es Lotsen und zuverlässige Bookmarks auf die sich unsere BĂĽrger verlassen können.  Nur weil unsere Apparate und Vernetzungsmöglichkeiten sich verändern, ändern sich nicht implizit die Spielregeln der Demokratie oder die BedĂĽrfnisse von uns Menschen.  Auch mit dem modernsten Tablet-Pc wird sich der User kratzen wenn es ihn am Körper juckt und er wird uns suchen, weil er weiĂź wie wichtig wir sind.

[1] Keynote Mainzer Tage fĂĽr Fernsehkritik 2011 (Vortrag am 22.03.2011)
[2] Ăśbrigens – Ich habe vergeblich nach einem Impressum gesucht.  Bei Beschwerden wende man sich an: Michael Davis, Wikia, Inc. (vertreten durch: Gil Penchina). 200 2nd Ave. South #306, St. Petersburg, FL 33701-4313, E-Mail: copyright@wikia.com
[3] Siehe Daten zu Twitter unter: www.kovasboguta.com/1/post/2011/02/first-post.html