Ranga Yogeshwar

Rede zur Ausstellungseröffnung „Der Mond“
Wallraf-Richartz Museum Köln, 25.03.2009

Verehrte Besucher, Sehr geehrter Herr BĂĽrgermeister, Lieber Andras BlĂĽm. Vor 40 Jahren, im Sommer 1969, landete Neil Armstrong auf dem Mond. Ich war damals 10 Jahre jung. Die Mondlandung begeisterte unsere gesamte Familie. Meine Mutter hängte im Wohnzimmer eine Mondkarte auf, wir bekamen unser erstes Fernsehgerät und ich verschlang unzählige BĂĽcher und Artikel ĂĽber Raumfahrt und Mondmissionen.  In der Nacht vom 20. zum 21. Juli  1969 war es dann soweit.  Ich durfte aufbleiben. Im Rauschen des miserablen Fernsehbildes verfolgte ich wie der erste Mensch seinen FuĂź auf einen anderen Himmelskörper setzte. Welch ein groĂźer Sprung fĂĽr die Menschheit!  Am morgen des 21. Juli 1969 beschloss ich daraufhin Mondastronaut zu werden. Ich wickelte diverse Werkzeuge wie Hammer, Zange und Schaufel in Staniolpapier und trainierte mit meinem Bruder erste Missionen, wie z.B. das Graben nach Mondgestein in unserem Garten. Roger. - Doch Pech! Houston – wir haben ein Problem. Noch bevor ich das Gymnasium fertig hatte wurden die Mondmissionen eingestellt.  

Insgesamt haben gerade mal 12 Menschen den Mond betreten. Am 14. Dezember 1972 verlieĂź Eugene Cernan als letzter Mensch die Mondoberfläche, die bis heute nicht wieder von einem Erdbewohner besucht wurde. Die Euphorie von Apollo legte sich, die Mondkarte in unserem Wohnzimmer wurde abgehängt , mein Mondastronautentraum verblasste und der irdische Alltag zog wieder ein.   Heute sind alle 12 Mondastronauten im Rentenalter. Vor drei Jahren hatte ich sogar das unverschämte GlĂĽck, einige Stunden mit dem Helden meiner Kindheit zu verbringen. Neil Armstrong ist heute Brillenträger und leicht ĂĽbergewichtig. Ein älterer Herr, sehr höflich und bescheiden. Rein äuĂźerlich könnte er genauso gut eine Vergangenheit als Bankkaufmann oder als Vertriebsleiter gehabt haben, denn auf den ersten Blick sucht man vergeblich nach einem Hinweis auf den Mann, der einst tollkĂĽhn die Mondlandefähre durch das Mare Tranquilitatis steuerte.  Erst im Gespräch offenbart sich sein einzigartiges Abenteuer. Er erzählte mir einige kleine Details seines knapp eintägigen Mondbesuchs. So unterhielten wir uns zum Beispiel ĂĽber seltsame Lichtblitze,  hervorgerufen durch die kosmische Strahlung, welche ungeschĂĽtzt auf dem Mond auftrifft. Wenn diese Strahlung auf die AugenflĂĽssigkeit trifft, kommt es zu einer bläulichen Leuchterscheinung! (Cerenkov Strahlung heiĂźt das Phänomen, Sie kennen vielleicht das bläulichen Leuchten der Reaktorbrennstäbe im Wasser.)

Wer also auf dem Mond steht sieht nicht nur etwas anderes, er sieht auch anders! Armstrong schwärmte vom Dunkel des Weltraums, dessen Sterne nicht funkeln und natĂĽrlich berĂĽhrte ihn die  Schönheit der aufgehenden Erde. Manche seiner AusfĂĽhrungen besaĂźen den Charakter des Irrealen, so als wĂĽrde er von einem Film erzählen. Vermutlich klangen auch die AusfĂĽhrungen der Reisen von Christopher Columbus und James Cook in den Ohren der Daheimgebliebenen ähnlich befremdend. Obwohl sie und ich, wie Millionen andere, die Expedition von Neil Armstrong am Bildschirm mitverfolgt haben, fehlt mir dennoch das entscheidende Element des eigenen Erlebens. Kein Photo und kein Film kann das kalte Grau der Mondkrater fassen und trotz aller Dokumentationen behält der Mond sein Geheimnis fĂĽr sich. An manchen Abenden ĂĽberkommen mich beim Blick in den Abendhimmel sogar Zweifel: Sind Menschen tatsächlich dorthin gereist?  Fotos kann man fälschen und die verrauschten FunksprĂĽche könnten auch von der Erde stammen. Doch Neil Armstrong ist kein Aufschneider. So sieht kein Mann aus, der die Menschheit sein Leben lang anlĂĽgen könnte. Neil Armstrong hat den Mond betreten und seine Gefolgsmänner wohl auch. Der zweite – der arme zweite – Buzz Aldrin verriet in einem Interview, dass er beim Weg nach unten, auf der Leiter der Mondfähre stehend, seine Blase zunächst entleerte, bevor er auf den Mond hĂĽpfte. Per Auto sind die Astronauten ĂĽber die staubigen Landschaften gefahren, haben, wie Kolumbus Nationalfahnen in den Boden gerammt , Golf gespielt , sind zwischen Kratern hin und her gehĂĽpft und haben am Ende jede Menge MĂĽll hinterlassen. Das mitunter kindische Verhalten der Mondastronauten war vielleicht so etwas wie eine Entweihung, eine Entladung aufgestauter Demut.

Homo sapiens hat häufig zunächst Angst, und wenn er sie verliert, folgt oft Respektlosigkeit. „Yes, we can“. Wären die Mondastronauten länger geblieben, gäbe es heutzutage womöglich einen Lunar Burgerking.     Entdecker haben dann noch diese sonderbare Lust am Sammeln. Statt einfach zu betrachten, statt der Kontemplation, wird abgerissen, ausgebuddelt, eingefangen, geschossen, zerlegt und eingepackt: Hotelgäste tun dies ja ebenfalls gerne und nehmen schon mal neben Seife, Shampoo, Badeschlappen auch noch HandtĂĽcher, Aschenbecher und noch mehr mit. Als Christopher Kolumbus von seiner Seereise zurĂĽckkehrte präsentierte er der Alten Welt unzählige mitgebrachte exotische Pflanzen, Tiere, Gold und sogar verschleppte Indios. Die Beute der heimkehrenden Mondastronauten war hingegen bescheiden: 382kg Gestein und abgepackter Mondstaub; mehr war da nicht zu holen. Keine Mondfrauen! Anfangs hoffte man noch auf Mikroorganismen – Sie erinnern sich, die Mondastronauten kamen nach der Landung zunächst in Quarantäne, doch kein Pilz, kein Bakterium, kein Virus – nur Staub und Gestein, mehr gab’s nicht. Ja, es gibt da seltene Metalle wie z.B. Iridium oder sogar das Helium 3 Isotop, aber Luna scheint zumindest derzeit ökonomisch uninteressant zu sein. Und so sind die kosmischen Conquistadores nie wieder zurĂĽckgekehrt.

Die kĂĽhnen Visionen belebter Mondkolonien lösten sich auf. Zuviel Staub, der Mond ist eben kein Eldorado und ich kein Mondastronaut. Dabei begann die Geschichte unseres Trabanten doch so spektakulär: Vor etwa 4,5 Milliarden Jahren schlug ein gigantischer Brocken ein StĂĽck aus der noch jungen Erde heraus. Dieses Gesteinsgemisch war gefangen im Schwerefeld der Erde und so bildete sich der Mond.  Der Mond ist also auch ein StĂĽck Erde, eine kosmische Eva, die aus dem Erd-Adam geschaffen wurde. Und die gegenseitige Anziehung dieses tanzenden Himmelspaars  sorgt zum Beispiel dafĂĽr dass unsere Erdachse nicht ins Trudeln kommt. Physikalisch betrachtet stabilisiert der kreisende Mond das rotierende Erdsystem.  Ohne Mond wĂĽrde die Erdachse durch den Raum taumeln und unsere Jahreszeiten welche das Ergebnis einer stabilen Erdachse sind,  wĂĽrden ohne Mond mit der Zeit in ein Chaos entgleiten. Eine trudelnde Erde hätte ein so extremes Klima , dass das Leben wie wir es kennen unmöglich wäre.   Das Paar Erde - Mond ist inzwischen eingespielt: Der Mond dreht sich z.B. in 27 Tagen einmal um die eigene Achse, genau in der Zeit, in der er einmal die Erde umkreist. Dadurch zeigt uns Luna immer nur die eine Seite. Auch andere Planeten – abgesehen von Merkur und Venus – besitzen Monde.

Als Galilei vor genau 400 Jahren sein Fernrohr erstmals in den Himmel richtete, erkannte er, dass manche Punkte sich sonderbar bewegten. Es waren die Jupitermonde. Da ihre Umlaufzeiten sehr kurz sind, beim Mond Io dauert es gerade Mal 1,7 Tage fĂĽr eine Jupiterumdrehung, konnte Galilei durch die veränderten Positionen der Monde, die er in seinem bescheidenen Teleskop gerade noch ausmachen konnte,  ihre Umlaufzeit bestimmen. Die Cousins von Luna, die Monde des Jupiter,  brachten somit das etablierte geozentrische Weltbild endgĂĽltig zu Fall. Und auch der Erdmond mit seinen Kratern widersprach der damaligen Vorstellung einer glatten Sphäre im Ă„ther. Der Blick durchs Fernrohr offenbarte eine Revolution. Galilei, eitel und ehrgeizig wie er nun mal war, hetzte sich um seine Entdeckung als Erster zu veröffentlichen.

In dieser Ausstellung sehen sie seine Veröffentlichung, den Sidereus Nuncius aus dem Jahre 1610 gleich in mehreren Ausgaben. Seit Galilei wurde der Erdtrabant immer genauer vermessen. Derzeit umkreist die indische Mission Chandrayaan den Mond.  Doch trotz spektroskopischer Analysen, Radarkartierungen, geologischer Messungen und der akribischen Aufbereitung des Mondgesteins behält Luna eine andere Dimension. Der Mond ist himmlisch. In allen Kulturen nördlich und sĂĽdlich des Aquators wird er besungen und verklärt. Liebende kĂĽssen sich und er schaut wissend zu. Auf zahlreichen Staatsfahnen, der TĂĽrkei, Pakistans oder Mauretaniens  finden wir ihn, als Halbmond.   Religiöse Feste weltweit richten sich nach dem Mond. Z.B. das indische Ganesha Fest, oder der Ramadan, der mit der Sichtung der Neumondsichel beginnt. Oder Ostern, der erste Sonntag nach dem FrĂĽjahrs-Vollmond und somit wird auch die davor liegende Fastenzeit und natĂĽrlich auch der Rosenmontag festgelegt. Der Mond ist also auch der Taktgeber der Kölner Karnevals. An Vollmond heulen Werwölfe, Abergläubische pflanzen Kräuter und Sensible geben ihm die Schuld am gestörten Schlaf. Obwohl die Wissenschaft den Mond zwar immer wieder freispricht hält sich die Ăśberzeugung magischer Mondkräfte beharrlich. Im Internet finden sie gut z.B. besuchte Mondkalender, nach denen sie ihr Leben und ihren Tagesablauf ausrichten können: Die Tagesempfehlung fĂĽr heute, der abnehmende Mond steht im Sternzeichen Fische lautet – ich zitiere -  Fussmassage, Zahnsteinentfernen und Schuhpflege besonders gĂĽnstig, wohingegen von Dauerwellen, Fussnagelpflege und Brotbacken abzuraten ist.     Luna beleuchtet ein wohl sehr menschliches Nebeneinander von Wissenschaft und Esoterik, von Aufklärung und Romantik, von Spuk und Staub.

Der Mond leuchtet eben nicht selbst, er ist ein Spiegel und wirft lediglich das Licht der Sonne zurĂĽck, genau so wie das Selbstbild seiner Betrachter. Wenn wir den Mond genau ansehen, erkennen wir auch immer ein StĂĽck von uns selbst.
(Ranga Yogeshwar)