Ranga Yogeshwar

Hirn-Doping... (Quarks 5.2.2013)

Was mich persönlich bei dem Thema reizt, ist die anstehende gesellschaftliche Entscheidung, denn indirekt werden wir damit unser “Menschenbild” neu setzen. Allein die daraus resultierenden Konsequenzen sind spannend, da sie unser Selbstbildnis tangieren.

Im Sport lehnen wir Doping ab – der Fall Lance Armstrong ist ein prominenter Beleg dafür, doch gleichzeitig warten wir wie hungrige Tiere auf neue Rekorde und Höchstleistungen. Unbemerkt hat sich in vielen Bereichen des Lebens eine seltsame Angst vor Fehlern, vor Vergänglichkeit und Schwäche eingestellt, gepaart mit einem wachsenden Leistungsdruck der sich häufig aus kommerziellen Motiven nährt: Der moderne Mensch wird immer stärker mit den Kriterien einer “perfekten” Erwartungswelt konfrontiert: Pianisten dürfen im Konzert keine Fehler spielen – so wie die perfekte CD-Einspielung und Frauen müssen so aussehen wie die Coverfotos der Zeitschriften. Durch die digitale Bildbearbeitung werden die Fotofalten geglättet, doch am Ende steigt der Druck auf die Menschen eben jenen digitalen Vorlagen zu entsprechen. Die immense Zunahme an “ästhetischen” Eingriffen ist ein mahnendes Signal.

Die Übertragung dieses Denkens auf das Denken an sich ist da nur noch eine Frage der Zeit. Schon heute müssen US-Kampfpiloten unterschreiben, dass sie im Falle der Weigerung der Einnahme von konzentrationsfördernden Präparaten als “nicht flugfähig” deklariert werden können. Dieser Zwang zur Perfektion entfremdet uns von uns selbst und die dahinter stehende Frage des Motivs droht nicht gestellt zu werden: Warum tun wir dieses? Wer oder was zwingt uns dazu?

Die massive Zunahme des Konsums von Ritalin und die Tatsache, dass in Umfragen 80 Prozent!! der Studenten derzeit bereit wären ein konzentrationsförderndes Präparat einzunehmen, falls es keine Nebenwirkungen besitzt und legal wäre, zeigen die Dynamik dieses Wandels.

Vielleicht verhilft diese Debatte uns zu einer neuen “Ein-Sicht”. Vielleicht erkennen wir den Fehler und die Fehlbarkeit als einen auszeichnenden Teil von unserem Selbst. Vielleicht offenbart sich die Brutalität eines entgleisten Leistungsprinzips. Vielleicht werden wir wieder Menschen lieben wegen ihrer Falten und ihren schiefen Zähnen und vielleicht werden wir begreifen, dass unser Leben vielfältiger ist als der Zwang einem unerreichbaren Ideal zu entsprechen…

Im "kleinen Prinzen" stieĂź ich auf eine bemerkenswerte Stelle:

„Guten Tag“, sagte der kleine Prinz.
„Guten Tag“, sagte der Händler. Er handelte mit höchst wirksamen, Durst stillenden Pillen.
Wenn man eine schluckt, spĂĽrt man ĂĽberhaupt kein BedĂĽrfnis mehr zu trinken.
„Warum verkaufst du das?“, fragte der kleine Prinz.
„Das ist eine große Zeitersparnis“, sagte der Händler. „Die Experten haben Berechnungen angestellt. Man spart dreiundfünfzig Minuten in der Woche.“
„Und was macht man mit diesen dreiundfünfzig Minuten?“
„Man macht damit, was man will …“
„Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte“, sagte der kleine Prinz,
„würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen…“

 

(1) Mehr Informationen bei Quarks&Co
(2) Eine studentische Gruppe hat sich ebenfalls damit befasst (www.hirnsturm.de)