Ranga Yogeshwar

Frauen...

Große weiße MĂ€nner im Anzug mit Kravatte und Tropenhelm posieren vor  halbnackten Eingeborenen. Mal sind es die schwĂŒlen UrwĂ€lder Amazoniens,  mal ein verlassener Tempel auf Sumatra oder die Szene spielt sich an einer heiligen FlussmĂŒndung  im hĂŒgeligen Nordindien ab. Die fast intakte Sammlung des National Geographic Magazines aus den Zwanziger Jahren, ein Nachlass meiner Tante, ist  fĂŒr mich ein Lehrbeispiel dafĂŒr, dass Wissenschaft keinesfalls neutral und wertefrei ist.   Immer wieder ging es zwar in den illustrierten Artikeln um das Erforschen unbekannter Regionen, doch mich interessierte zunehmend nicht was  da erforscht wurde, sondern wie: Der damalige Zeitgeist,  die Moden, dogmatische Annahmen und Vorurteile fĂ€rbten unbemerkt die Brille, mit der unsere Vorfahren die Welt betrachteten und daran hat sich bis heute wenig verĂ€ndert.   Geradezu entlarvend ist die Wissenschaftsgeschichte  vom Unterschied zwischen Mann und Frau. Noch um 1900 galt  der (weiße) Mann als „Krone der Schöpfung“. Charles Darwin[1]  war ĂŒberzeugt, dass Frauen minderwertig seien und suchte allerlei „wissenschaftliche Belege“ fĂŒr seine Hypothesen. So waren Frauen angeblich geschĂŒtzter vor dem Druck der evolutionĂ€ren Selektion, wohingegen sich der natĂŒrliche Selektionsprozess bei MĂ€nnern stĂ€rker offenbarte. Kein Wunder also, dass MĂ€nner als weiter entwickelt und intelligenter galten.   In einer Zeit, in der schwarze Menschen im Zoo neben den GorillakĂ€figen ausgestellt wurden, unterteilte man MĂ€nner und Frauen sogar in unterschiedliche „psychologische Spezies“: Die Frau gehörte zum homo parientalis, der Mann hingegen zum  homo frontalis.  Das „Heimchen am Herd“ unterlag, wie nicht anders zu erwarten, dem kĂŒhlen mĂ€nnlichen Geist  und der hochgeschĂ€tzte französische Anthropologe Paul Broca konnte gleich mit zahlreichen Messungen belegen, dass das mĂ€nnliche Gehirn schwerer wog als die weibliche Variante und hegte keinerlei Zweifel daran, dass es einen logischen Zusammenhang zwischen Gehirnmasse und Intelligenz geben musste.   Einige Jahre spĂ€ter schrieb der Wissenschaftler Gustave Le Bon[2] „...Frauen....reprĂ€sentieren die minderwertigste Form der menschlichen Evolution und sind Meister in ihrer Inkonsistenz, der UnfĂ€higkeit zur Überlegung, dem Fehlen von Logik und Vernunft...“ Die Wissenschaft hatte sich mit zahlreichen Studien zum willigen Sklaven des herrschenden Weltbildes gemacht. Jahrelang ging man in der Biologie davon aus, dass die Eizelle völlig passiv darauf wartet, von den Spermien des Mannes erobert zu werden. Der Wettlauf der Spermien lag jahrzehntelang im Fokus der genaueren wissenschaftlichen Betrachtung. Im MĂ€rchen erweckt der Prinz Schneewittchen aus dem Tiefschlaf, warum sollte es da im Mikrobiologischen Kosmos der Befruchtung anders ablaufen? Es sollte schmerzlich lange dauern, bis endlich auch die aktive Rolle des weiblichen Organismus in den Laboren untersucht und erkannt wurde.   Vorurteile prĂ€gen wissenschaftliche Theorien und schleichen sich bis tief hinab in die Methodik und Logik unseres Denkens und gefĂ€hrlicher noch, sie prĂ€gen unser Bewusstsein.  Die „Minderwertigkeit der Frau“ hĂ€lt sich bis in unsere Tage und junge MĂ€dchen sind zum Beispiel oft davon ĂŒberzeugt, dass sie keine guten Mathematikerinnen oder Physikerinnen sind und begrĂŒnden dieses nicht etwa mit ihrer Leistung, sondern mit dem Vorurteil an sich. „Das kann ich nicht weil ich eine Frau bin!!“    Der Spruch „Frauen und Technik!“ verursacht  einen immensen Schaden im Bewusstsein kluger SchĂŒlerinnen, denn auf stille Weise lösen sich vielversprechende Berufsoptionen auf, obwohl unzĂ€hlige vergleichende Studien klipp und klar belegen, dass junge MĂ€dchen eine ebenso gute naturwissenschaftliche Begabung besitzen wie gleichaltrige Jungs.  Das Vorurteil siegt immer noch. In Physikvorlesungen sind junge Frauen die Ausnahme.   Ist es nicht absurd? Unsere Nation beklagt ein Nachwuchsproblem in den naturwissenschaftlichen Disziplinen, doch wĂŒrden genauso viele Frauen hierzulande Physik oder Informatik studieren wie MĂ€nner, wĂ€re das Problem des FachkrĂ€ftemangels im Nu gelöst. Noch immer schleppen wir die VorurteilsdĂ€monen der Vergangenheit mit uns herum, und lachen ĂŒber Blondinen Witze.  Zumindest die Naturwissenschaft hat inzwischen gelernt.    Die Biologie von Mann und Frau wurde immerhin grĂŒndlich revidiert und dennoch leben zu viele von uns noch immer in der mentalen Zeit von Darvin und Broca. Dass es im Jahre 2012 noch immer notwendig ist, mit dem Instrument einer Frauenquote auf eine lĂ€ngst fĂ€llige Gleichstellung zu pochen, ist ein Armutszeugnis unserer doch so aufgeklĂ€rten Gesellschaft.   Ja, Frauen können denken!   In einigen Jahren wird wieder eine Tante sterben und einem glĂŒcklichen Nachfolger einen Stapel Zeitschriften aus unserer Zeit vererben.  Und bei der Durchsicht wird deutlich werden, wie absurd die Menschen um 2012 dachten, als Frauen noch immer auf ein selbstverstĂ€ndliches Recht pochten mussten. Meine Sammlung des National Geographic musste ich inzwischen entsorgen: Sie roch nach Schimmel!

 (Ranga Yogeshwar, 2012)

[1] Darwin's Teaching of Women's Inferiority, Jerry Bergman, Northwest State College, Ohio (http://www.icr.org/article/darwins-teaching-womens-inferiority/) Darwin, Charles. 1896. The Descent of Man and Selection in Relation to Sex. New York: D. Appleton and Company.  

[2] (The Crowd; 1895)